Eine Überlebens-Geschichte

Haiti hat sich stark verändert seit dem katastrophalen Erdbeben 2010. In der Hauptstadt Port-au-Prince werden Parks hergerichtet, große Supermärkte haben eröffnet. Doch die Menschen können nicht vergessen. Menschen wie Johanna Dabady, die damals ein Kind verlor.

ImageFoto: Daniel Rosenthal

Johanna Dabady denkt oft an den Tag zurück, an dem ihr Land begraben wurde. Es war ein leicht bewölkter Nachmittag im Januar 2010. Den ganzen Tag über hatte die Mutter dreier Kinder vor ihrer Haitianischen Hütte in der Stadt Jacmel Reiseintopf verkauft. Erschöpft setzte sie sich an den Esstisch.

Es war der 12. Januar 2010. Um 16.53 Uhr Ortszeit setzte sich eine Erdbebenwelle in Gang, Johanna Dabady sprang auf, rannte zu der wenige Meter entfernten Tür in den kleinen Vorgarten. Sie drehte sich um, doch ihr Haus war nicht mehr erkennbar. Irgendwo unter den Trümmern und der Staubwolke lag eines ihrer Kinder.

Johanna möchte darüber nicht sprechen, will nicht sagen, ob es ein Mädchen oder ein Junge war. Kein Name, kein Foto. Auch heute noch nicht, drei Jahre nach dem Erdbeben. Johanna vergräbt ihren Kopf in ihren Händen, schweigt. Schließlich zeigt sie zur Seite. “Das alles war zerstört”, sagt sie, ohne hinzuschauen. So, als läge ihr Haus noch immer in Trümmern. An ihrer Wand hängt eine verstaubte, runde Plastikuhr. Der Zeiger bewegt sich nicht mehr. Johanna hat sie sich in das Zimmer gehängt, obwohl sie sich keine Batterien dafür leisten kann. Das ist typisch an ihrem Land: Haiti ist zwar keine Trümmerwüste mehr, aber es funktioniert dennoch nicht.

“Viel besser als früher”

Zwischen 200.000 und 300.000 Menschenleben kostete das Erdbeben von 2010. Die Haitianer haben die Trümmer geräumt, ihre Toten begraben. Doch obwohl die Straßen wieder befahrbar sind und viele Häuser wieder aufgebaut werden, liegt Haitis Zivilgesellschaft nach wie vor am Boden. Zu wenige Polizisten, Armut, Slums. Haiti ist ein Land, das seit Jahrzehnten von einer Katastrophe in die nächste taumelt. Der nächste Hurrikan, das nächste Beben – sie kommen bestimmt.

Johanna hatte nach dem Beben keine Zeit, um zu trauern. Sie begrub ihr Kind. Dann begann sie, in den Trümmern nach dem zu suchen, was ihr geblieben war. Das, was sie fand, liegt heute im oder vor dem Haus. Zwischen den Ästen steckt eine Puppe. Das T-Shirt ist zerfetzt, die Gliedmaßen sind voller getrocknetem Schlamm. Doch es ist eine Erinnerung an die Zeit davor. Johanna hat alles geborgen, was sie finden konnte. Sie versteckte die Gegenstände unter einer Decke, der Schutt tarnte das Versteck. “In dieser Zeit konnte man niemandem trauen. Viele Nachbarn waren verzweifelt”, sagt Johanna.

Johanna lebte nach dem Beben in einem Zelt auf der Straße direkt vor ihrer Haustür. Jeden Abend kniete sie sich auf den Boden und betete. Sie bat Gott um Hilfe. Johanna war nicht böse auf Gott. Dass die Erde bebt, könne auch er nicht verhindern. Der Großteil der Haitianer sind fromme Katholiken, das Erdbeben hat ihren Glauben nicht erschüttern können.

Sie verwenden das Wort “Erdbeben” nicht oft, lieber umschreiben sie es mit dem “12. Januar” oder einfach nur dem Wort “Événement” – dem Vorfall. Es ist das, vor dem jeder Angst hat, aber das scheinbar niemand verhindern kann. Dabei hatten die katastrophalen Ausmaße des Erdbebens menschliche Ursachen: Viele der Häuser in Haiti waren nicht erdbebensicher. Ein ähnliches Beben hätte in anderen Ländern deutlich weniger Opfer gefordert.

Als Reaktion versuchen viele Organisationen inzwischen, nachhaltiger zu arbeiten. Statt einfach nur Backsteine aufzutürmen, wird zum Beispiel Stahlbeton verwendet, der bei einem Beben schwerer auseinanderbricht. “Wo ich jetzt wohne, ist es viel besser als früher”, sagt Johanna, deren Haus von der Welthungerhilfe erdbebensicher errichtet wurde. Statt einfacher Behelfshäuser, die nach wenigen Jahren wieder abgerissen werden müssen, begann die deutsche Nichtregierungsorganisation kurz nach dem Beben Gebäude zu errichten, die auch über längere Zeiträume benutzbar sind. Bei vielen Organisationen hat es ein Umdenken von der kurzfristigen Nothilfe zu einer langfristigen Unterstützung gegeben.

Lebensgefahr bei jedem Unwetter

Haiti hat sich in den vergangenen drei Jahren stark verändert. In vielen Teilen der Hauptstadt Port-au-Prince sind Bauarbeiten im Gange. In manchen Straßen kann man die Zerstörung nur noch erahnen. Parks werden hergerichtet, in denen sich die Haitianer samstags zum Morgensport treffen, große Supermärkte haben eröffnet.

Doch wer arm ist, hat es schwer. Nach wie vor leben rund 300.000 Haitianer in riesigen Zeltstädten, die oft von Uno-Soldaten bewacht werden. Anfangs waren es eine Million. Doch nicht jeder zieht freiwillig aus den Zeltlagern aus, denn die Alternativen sind begrenzt. Am Rande der Stadt wachsen deshalb Slums – eine riesige Ansammlung hellgrauer Hütten. Die kleinen Gebäude sind an Hängen gebaut und kaum befestigt. Der Boden ist sandig: Jedes Unwetter wird so zur Lebensgefahr.

Geld, um erdbebensicher zu bauen, hat hier niemand. Im Stadtzentrum, nahe der “Grande Rue”, liegen noch immer Trümmer am Straßenrand. Ein vierstöckiges Hausgerippe, das direkt an der Straße steht, neigt sich gefährlich zur Seite. Das Geländer hängt vom Dach, auf dem inzwischen Gras wächst. Im Erdgeschoss des einsturzgefährdeten Hauses haben Händler ihre Verkaufsstände aufgebaut.

Johanna sagt, sie sei heute besser auf Katastrophen vorbereitet als 2010: Sie lagert Wasser, Benzin, Nahrungsmittel und hat wichtige Dokumente in einem kleinen Plastikbeutel verstaut. Sie hat auch wieder begonnen, Mittagessen zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Aus ihrem Esszimmer heraus bedient sie die Nachbarschaft. Fünf Dollar Gewinn macht Johanna damit pro Tag. Nicht viel, aber genug, um zu überleben.

“Die Krise hat uns alle einander näher gebracht”

Mitarbeiten müssen auch ihre Tochter Marie Louise, 23, und ihr Sohn Saintil Jean Wilbert, 21. Ihre Beziehung hat sich nach dem Erdbeben verändert. “Sie verbringen jetzt viel mehr Zeit mit mir”, sagt Johanna, lächelt und fügt hinzu: “Die Krise hat uns alle einander näher gebracht.”

Die Erinnerung daran ist lebendig. Bei heftigen Windstößen schreckt Johanna auf und rennt zur Tür. Als Hurrikan “Sandy” im vergangenen Jahr über Haiti zog und für schwere Verwüstungen sorgte, saß Johanna immer in der Nähe der Tür. Bereit, um ihr Leben zu rennen.

Auch Tochter Marie Louise schläft noch immer vor dem Haus in dem Zelt, das der Familie kurz nach dem Beben von einer kanadischen Hilfsorganisation gegeben wurde. Sie kann dort tun, was sie möchte – und sie ist sicher vor weiteren Beben. In dem Zelt ist es stickig, das Licht ist bläulich gefärbt. Säuberlich hat Marie Louise Kuscheltiere auf dem Stuhl vor ihrem Bett aufgetürmt: Schafe, Elefanten, Schweine. Auf einen Plastiktisch hat sie ein golden umrahmtes Porträtfoto von sich aufgestellt. Stolz zeigt Mutter Johanna darauf und sagt: “Das ist mein Mädchen!”

Johanna betet noch immer jeden Abend zu Gott. Sie hat begonnen, ihm zu danken.

Dieser Artikel erschien am 27. August 2013 bei SPIEGEL ONLINE. 

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